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18.6.2018 : 4:07 : +0200

Bericht des Jahres 1999

Arequipa, den 2.02.00

Liebe Freunde der Casa Verde,

Dieser erste Rundbrief aus der Casa Verde in diesem Jahrtausend hat zum Ziel, all jene, die unser Projekt im vergangenen Jahr mit soviel Engagement unterstützt haben aber auch jene, die die Casa Verde kennen lernen möchten, über die neueste Entwicklung, über kleine und große Freuden aber auch über kleine und große Sorgen rund um die Casa Verde zu informieren, in der Hoffnung Sie auch weiterhin für unsere Arbeit und vor allem für die Kinder der Casa Verde interessieren zu können.
Vor gut einem Jahr, im Januar 1999, schien alles noch ein Traum, eine vielleicht doch zu kühne Idee; ein Zentrum zu errichten, in dem Straßenkinder, Waisenkinder und ältere Menschen einen Platz zum Leben finden dürfen. Wir hatten gerade unser erstes Jahr in Arequipa verbracht, und als Ergebnis unserer bisherigen Tätigkeiten konnten wir eine kleine Räumlichkeit in der Straße Santo Domingo vorweisen, in der sich einige Male die Woche eine Gruppe von ca. 15 Straßenkindern- bzw. jugendlichen zu verschiedenen Aktivitäten zusammenfand, die wir, unterstützt von zwei Praktikantinnen der Psychologiefakultät, nahezu ohne finanziellen Hintergrund organisieren konnten.
Es sah zu diesem Zeitpunkt nicht danach aus, dass das Projekt sich weiterentwickeln könnte, da die finanziellen Reserven des Projektes sich dem Ende neigten und neue Quellen nicht in Sicht schienen.  Da erhielten wir endlich die langersehnte Antwort auf einen Antrag auf Unterstützung an die norwegische Stromme-Stiftung, die uns zusagte, das Projekt mit einer einmaligen Starthilfe von US $ 10.000 zu unterstützen.
Sofort wurde mit der Arbeit begonnen: ein Haus zur Miete wurde gesucht und gefunden, den zwei Praktikantinnen wurde eine Teilzeitstelle angeboten und nach 14 Tagen und intensiven Planungen zogen die ersten sieben Straßenjugendlichen in die neuen Räumlichkeiten der Casa Verde in der Straße Isaac Recabarren 117 - Cercado ein.
Nur kurz darauf erhielten wir weitere großzügige Spenden des Gymnasiums Syke, der Clemens-Dülmer Schule in Bocholt, der Shinson Hapkido Association in Darmstadt, der TH-Gruppe Darmstadt und mehrerer privater Spender, die es mir bitte nicht verübeln mögen, wenn wir nicht alle namentlich erwähnen können, Zuwendungen die es uns erlaubten eine realistische Perspektive für das Jahr 1999 zu entwickeln.
Zwei Monate vergingen, in denen gemeinsam mit den Jugendlichen eine andere Art von Alltag und von Zusammenleben organisiert wurde. Fortschritte wurden gemacht und auch Fehler, vor allem aber Erfahrungen, die uns auch heute noch von Nutzen sind.
Vier der sieben Jugendlichen verließen das Haus auf eigenen Wunsch, um ihren Gewohnheiten gemäß in eine andere Stadt weiterzuwandern.
Im März wurden die ersten Kontakte zum Jugendgericht geknüpft, die uns, hocherfreut über das Angebot, sogleich die ersten Kinder in Notlagen zur langfristigen Unterbringung übersandten. Von da ab ging es Schlag auf Schlag und binnen zweier Monate waren wir bereits im Mai nahe an unsere Unterbringungskapazitäten gelangt.
Die uns übersandten Kinder wurden zumeist auf der Straße aufgegriffen oder direkt aus unhaltbaren familiären Zuständen herausgeholt, einige von ihnen wegen starken Misshandlungen, wegen Missbrauch oder einfach weil sie von ihren Eltern verlassen und irgendwo auf der Straße ausgesetzt wurden.
Es erstaunte uns immer wieder wie in. relativ kurzer Zeit aus verängstigten und verwundeten Kindern, scheinbar fröhliche und gutgenährte Nervensägen wurden.
Den Kindern ein Heim zu bieten und sie mit allem Notwendigen zu versorgen war eineSache, ihren psychischen Verwundungen gerecht zu werden, ein pädagogischesKonzept zu entwickeln und sie eigenverantwortlich auf ihre Zukunft vorzubereiten eineandere.
Um diesem Anspruch und dem veränderten Organisationsgrad gerecht werden zu können, musste der Personalstamm erweitert werden, so dass seit August 1999 acht Angestellte das Team der Casa Verde bilden.
Um Ihnen das Leben hier in der Casa Verde ein wenig transparenter zu machen, möchte ich Ihnen gerne unseren Tagesablauf vorstellen.

Zeit

Aktivität

5:00 Uhr

Wecken

5:15 Uhr

Hausputz - Jedes Kind hat einen bestimmten Bereich des Hauses zu reinigen

6:00 Uhr

Körperhygiene - Die Kinder waschen sich und ziehen ihre Schuluniform an

6:15 Uhr

Frühstück - Eines der Kinder bereitet das Frühstück vor

7:15 Uhr

Die Kinder werden in die Schule gefahren - alle Kinder sind in der selben Schule angemeldet, die zwar etwas weit entfernt liegt, uns aber kein Schulgeld kostet

7:30 Uhr bis 1:00 Uhr

Schule - unsere Sozialarbeiterin besucht regelmäßig die Schule und koordiniert mit den Lehrern die Leistungen und die Probleme der Kinder

13:00 Uhr

Die Kinder kommen ins Heim - Mittagessen - das Essen wird von einer Köchin vorbereitet, eine Frau die selbst sechs Kinder hat und bei uns die Möglichkeit auf einen Broterwerb hat

14:30 Uhr bis 15:00 Uhr

 Freizeit

15:00 Uhr

Hausaufgaben oder Studierzeit - in drei Gruppen werden die Kinder von jeweils einem Tutor betreut

17:00 Uhr

Arbeit in der Werkstatt - die Kinder stellen kleine Kunstgegenstände, die dann zum Verkauf angeboten werden her / Arbeit der Psychologen mit Einzelfällen oder Gruppentherapie

18:00 Uhr 

Fernsehstunde - beliebteste Zeit - vorher alles saubermachen

19:00 Uhr

Abendessen - danach Freizeit

21:00 Uhr

Ab ins Bett - es bleibt vom Personal nur ein Nachtdienst

In den Sommerferien, die hier in Peru beängstigenderweise von Ende Dezember bis Anfang April dauern, musste dieser Zeitplan natürlich geändert werden, da die Kinder auch den ganzen Morgen im Heim sind.  Diese Ferien wurden genutzt zur Intensivierung der Werkstätten, zur intensiven Nachbereitung des Erlernten und zur Vorbereitung auf das neue Schuljahr, zur Entwicklung von besonderen pädagogischen Aktivitäten; so wurden zum Beispiel eine Woche lang Musikinstrumente aus wiederverwertbarem Abfall selbst angefertigt und am Ende ein kleines Konzert veranstaltet, es wurde eine Heimzeitung angefertigt und schließlich eine Theatervorführung einstudiert.

Die Krönung der Ferienzeit stellte für die Kinder sicherlich der einwöchige Ausflug an den Strand von "Camana" dar, wo viele der Kinder das erste Mal in ihrem Leben das Meer sahen.

Zur Zeit leben in der Casa Verde 18 Kinder und Jugendliche; zu einer Gruppe von ca. 20 Straßenjugendlichen halten wir nach wie vor Kontakt, um so mehr als wir die einzige Institution in Arequipa sind, die sich um Straßenjugendliche kümmert.

In der Zeit von Februar 1999 bis Dezember 1999 beherbergte die Casa Verde insgesamt 34 Kinder und Jugendliche, ein Hinweis darauf, dass nicht alle Kinder, die in die Casa Verde kommen auch dort bleiben.  Einige von ihnen werden in ihre Familien zurückgebracht, sei es zu ihren Eltern oder zu irgendwelchen nahen Verwandten, unter der Voraussetzung, dass die Bedingungen in der Familie sich signifikant verbessert haben.

Die psychopädagogische Arbeit mit den Kindern hat zum Ziel den Kindern eine solide Ausgangsbasis für ein erfolgreiches Leben zu schaffen, sowohl in Hinsicht auf Charakterformung, in Hinsicht auf ihre physische, motorische und geistige Entwicklung und letztlich über die Vermittlung von Fertigkeiten, die langfristig in eine Art Berufsbildung münden sollen.  Diese Zielsetzung bedarf viel Zeit, Geduld und professionelle Arbeit, handelt es sich doch zumeist um Kinder, die in den ersten Lebensjahren kaum Stimulation erhalten hatten, die geschlagen wurden, verbrannt wurden, zum Teil sexuell missbraucht wurden und die im Leben schon so oft enttäuscht wurden,' dass sie kaum in der Lage sind wirkliches Vertrauen zu anderen Menschen und zu sich selbst aufbauen zu können.

In einigen Fällen konnten wir bereits erstaunliche Erfolge verbuchen, wie zum Beispiel im Falle des kleinen Ricardo, der als vollkommen verwahrlostes Wesen zu uns kam, sein Körper gezeichnet von Verbrennungen, die ihm höchstwahrscheinlich seine eigene Mutter zugebracht hatte, über deren Aufenthaltsort bis heute nichts bekannt ist, kaum in der Lage zu kommunizieren, aggressiv und gewalttätig hatte Ricardo sicher schon längere Zeit auf der Straße verbracht bis er von der Polizei aufgegriffen wurde und uns übersandt wurde.  In kürzester Zeit gelang es dem intelligenten Jungen sich erste Ansätze im Lesen und Schreiben anzueignen, so etwas wie ein Körper- und Hygienebewusstsein zu entwickeln, und die ihm übertragenen Aufgaben mit viel Verantwortungsbewusstsein zu erledigen.

Bei anderen scheinen die Fortschritte eher schleichend immer wieder begleitet von Rückschritten, das psychologische Personal immer wieder vor Herausforderungen stellend.

Wie bereits oben erwähnt ist die Casa Verde bereits seit einiger Zeit an ihreAufnahmekapazität gelangt, ein Umstand der uns dazu veranlasse nach neuenRäumlichkeiten Ausschau zu halten.  Seit einiger Zeit sind wir auf der Suche nach einem

Grundstück (ca. 2500 m/2) in den naturbelassenen Außenbezirken der Stadt, um dort ein aussreichend großes Zentrum zu errichten das ca. 50 Kindern und Jugendlichen Platz bieten soll.  Als Alternative sind wir auch auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, die die erwähnten Charakteristika erfüllt.

 

Eine entsprechende Immobilie wird uns zur Zeit zum Kauf angeboten, e' in Gebäudekomplex von drei zwei- bis dreistöckigen Gebäuden im Stile der Alten Gutshöfe, der Platz genug für die Kinder zum wohnen bieten würde und zudem noch ausreichend Grünflächen bietet.  Zur Zeit sind wir in Verhandlungen mit den Besitzern, Verhandlungen die sich um einen Kaufpreis zwischen 30-und 35.000 US $ drehen.

Darüber hinaus wird das Projekt wohl für das kommende Jahr bei einer Belegung von etwa 35 bis 40 Kinder weitere 30.000 US $ benötigen, eine Summe, die wir im Moment noch nicht haben.  Die festen Spendenzusagen belaufen sich bis zum jetzigen Datum auf 17.000 US $.

Das Projekt Casa Verde hatte eine relativ schnelle Geburt und begann schnell zu wachsen; es ist jedoch noch nicht in der Lage auf eigenen Beinen zu stehen.  Dies ist eine unsere oben erwähnten Sorgen und aus diesem Grund möchten wir Sie als Interessierte auch dieses Jahr ebenso herzlich wie dringlich bitten, der Casa Verde durch Ihren Beitrag eine Zukunft zu ermöglichen.

Wir werden uns bemühen Sie als Spender regelmäßig und möglichst umfassend über unsere Arbeit hier in Peru zu informieren und darüber hinaus Ihnen ihre Fragen bei einem geplanten Besuch im Mai in Deutschland persönlich zu beantworten.

Darüber hinaus bieten wir Ihnen an unser Projekt bei einem Besuch in Peru jederzeit kennen lernen zu können und einige Tage unser Gast zu sein.

 

Im Namen aller Kinder und aller Mitarbeiter der Casa Verde möchten meine Frau Dessy und ich uns herzlichst für Ihr Vertrauen und Ihre Mithilfe beim Aufbau dieses Projektes bedanken.

die Projektleitung